Wie ich ein paar netten Menschen begegnete

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Eines Tages wurde mein Revier von einem Menschen auf einem seltsamen Ungetüm heimgesucht. Ich glaube, es hieß Bulldozer. Er warf Bäume um, grub Löcher und verhielt sich recht zerstörerisch. Manche Kreaturen können sich einfach nicht benehmen! Ich dagegen habe Kultur, und das bedeutet manchmal, dass man mangelnde Manieren anderer klaglos erträgt. Ich ließ diesen Menschen also gewähren. Außerdem schien er nur gerade genug Bäume zu fällen, um Platz für eine menschliche Wohnung und einen Zugang zu schaffen.

Nach und nach nahm eine Behausung Gestalt an. Da drin konnte man prima spielen, und manchmal ließen die Arbeiter auch ein paar Leckerbissen liegen. Also konnte die ganze Sache nicht so schlimm sein. Außerdem sind wir Waschbären auch nicht territorial gesinnt. "Leben und leben lassen" heißt unser Motto.

Irgendwann war das Haus fertig, und zwei Menschen zogen ein. Sie schienen uns zu ignorieren, aber eines Nachts entdeckten wir im Wald in der Nähe der Wohnung zwei kleine Plattformen. Darauf lagen Sonnenblumenkerne, Erdnüsse, Mais, und verschiedene andere Leckereien für Tiere. Wir wussten also, dass das für uns sein musste, und natürlich fraßen wir alles ratzekahl auf.

Irgendwie schienen diese Menschen ein bisschen blöd zu sein. Sie wussten anscheinend nicht, dass Waschbären Unmengen verdrücken können. Um ihnen unser Missfallen über zu wenig Futter zu zeigen, stießen wir nachts oft die Plattformen um, wenn das Futter alle war.

Ein paar Nächte später sahen wir uns mit zwei Lichtern neben den Futterstellen konfrontiert. "Wie dumm diese Menschen bloß sind", dachten wir. "Wir können doch nachts prima sehen. Wir brauchen diese blöden Lichter nicht." Dann merkten wir jedoch, dass die Menschen am Fenster standen und uns mit einem Fernglas anstarrten. Sie redeten und zeigten auf uns und schienen echt aufgekratzt zu sein. Manchen Lebewesen kann man also sehr leicht eine Freude machen!

Nun wurden die Plattformen Nacht für Nacht näher an die menschliche Behausung herangerückt. Schließlich fanden wir eine Erdnussspur, die die Treppe zum Deck hinauf führte, und auf dem Deck waren noch mehr Erdnüsse. (Diese Menschen sind doch wirklich blöd. Hatten sie wirklich gedacht, wir könnten ohne die Spur das Futter auf dem Deck nicht finden?).

Mittlerweile ist das Deck zu einem Waschbärrestaurant mutiert. Dort stehen acht Schüsseln und zwei Holzkästen, und jeden Abend ist alles mit Hundefutter gefüllt. (In Wirklichkeit ist es ja Waschbärfutter, aber es wird als Hundefutter deklariert, so dass die Menschen es kaufen und an ihre Hunde verfüttern. Wie man ja weiß, sind mir Hunde ein Greuel.)

Manchmal sind unter dem Futter Kekse versteckt, aber wir können sie riechen und finden sie daher sofort. Wenn ich als erster da bin und es gibt Kekse, gehe ich von Schüssel zu Schüssel und fresse alles Gebäck auf, bevor ich das Futter anrühre. (Kekseteilen gehört nicht zu unserer Etikette.) Manchmal gibt es auch andere Leckereien wie Essensreste vom Chinesen, Obst oder Brot. Ab und an finden wir sogar deutsche Torte -- mmmh. Und für all das brauchen wir nur aufzukreuzen und uns ganz natürlich zu geben -- als niedliche Wesen.

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